Rezension: Der Wandel des Familienbildes

Hemmen, S., Löding, G., Lohan, D. u. a. 2020. Der Wandel des Familienbildes. Eine Orientierungshilfe für das gemeinsame Gespräch. Forum Familie im Fachbereich Familie und Generation. Wustermark: Edition BEFG Band 6.

Die Edition BEFG ist eine Schriftenreihe, die im Rahmen des Bundes Evangelisch-Freikirchlicher Gemeinden herausgegeben wird. Band 6 wurde im Forum Familie im Fachbereich Familie und Generationen geplant und erarbeitet. Es ist eine selbständige Publikation dieses Fachbereiches.

Ich bin selbst Mitglied in einer Gemeinde dieses Bundes, der konfessionell aus Gemeinden baptistischer und brüdergemeindlicher Tradition besteht. Ich bin gewähltes Mitglied des Präsidiums dieses Bundes. Der BEFG ist ein vielfältiger und demokratischer Gemeindebund, der nicht von oben bischöflich genormt wird. Jede Gemeinde ist selbständig. Dies lässt eine breite und bunte theologische Meinungsvielfalt zu – von eher liberaler bis zu konservativer Ausrichtung der jeweiligen Ortsgemeinde. Das ist nicht immer leicht, weil die Ansichten manchmal weit auseinanderliegen oder sich konträr gegenüberstehen. So entstehen Spannungen, die es für alle auszuhalten gilt, die Rahmen unseres Gemeindebundes aktiv sind.

Diese Spannungen erlebe ich u. a. bei der Publikation „Der Wandel des Familienbildes“. Das Heft hat das Anliegen, veränderte Familienrollen zu beschreiben und christlichen Gemeinden eine Hilfestellung zu geben, wie Gemeindearbeit familienfreundlich und kreativ gestaltet werden kann. Die Autoren betrachten das Thema aus „theologischer, soziologischer, diakonischer, religionspädagogischer und gesellschaftspolitischer Sicht“, wie es auf dem Cover heißt. Dazu gibt es zwölf kurze Beiträge verschiedener Autorinnen und Autoren, die im BEFG und im Forum Familie aktiv sind.

Gelungen finde ich die Beiträge zur Analyse der kulturell-gesellschaftlichen Situation (Löding:30f; Teubert:41f), die Beschreibung des historischen Wandels der Familienformen (Reinhardt:58f) und die Ansätze, wie wir als Gemeinden darauf reagieren (Hemmen:34f, Löding:71f) und wie dies auch familienpolitisches Engagement bedeuten sollte (Schneider:46f).

Ebenso gelungen finde ich den Praxisteil, der Gemeinden Anregungen gibt, ihre Familienarbeit zu gestalten. Vorgestellt werden eine Generationsgottesdienstreihe (:73f), Winterspielplätze (:79), das im Rahmen von fresh X entstandene Konzept „Kirche Kunterbunt“ (international als „Messy Church“ bekannt) (:83) und christliche Kindertagesstätten und Familienzentren (:89).

Meine Schwierigkeiten habe ich bei den zwei einleitenden theologischen Artikeln zum Thema Familie. Gerade dem Artikel von Werner „Biblische Aspekte zum Thema Familie“ (:12) kann ich inhaltlich nur wenig zustimmen und möchte ihm hier auch an einigen Punkten direkt widersprechen. Aus meiner Sicht fragmentiert Werner in diesem Artikel die Bibel und wird damit ihrem Kanon nicht gerecht. Er scheint biblische Geschichten und Berichte über Menschen mit Lehrtexten gleichzusetzen und beachtet m. E. heilsgeschichtliche Zusammenhänge nicht, die ich für die Auslegung der Bibel als wichtig erachte. Er meint, wie Löding es schon im Vorwort erwähnt, dass es ein ‚Leitbild Familie‘ in Bezug auf die Formen des Zusammenlebens in der Bibel nicht gäbe (Löding:10; Werner:17f). Das sehe ich nicht so. Die Schöpfungsgeschichte der Genesis, das Plädoyer Jesu für die Ehe, die Haustafeln von Paulus im Epheser- und Kolosserbrief geben sehr wohl ein Leitbild für Familie vor und sind mitnichten nicht ein „pragmatischer Rückschritt“ (:17). Hier wird vom unkritischen Bibelleser auch nichts hineingelesen, wie Werner meint (:12). Auch seinem Plädoyer für die Selbstbestimmung des Menschen möchte ich mich nicht anschließen. Natürlich darf jeder Mensch selbstbestimmt leben – wenn das überhaupt geht – aber nach meiner biblischen Erkenntnis braucht der Mensch Erlösung, um ein gottgemäßes (geheiligtes) Leben zu leben, dass seinem durch Jesus gewirktem heiligen Status entspricht. Dazu gehört die Liebe zu Jesus, die sich u. a. im Halten seiner Gebote ausdrückt.

Der Artikel von Lohan mit (:13) betont den Wunsch und die Aufgabe zur christlichen Erziehung durch christliche Eltern und Gemeinden und gibt wertvolle Hinweise dazu. Hier stört mich aber, dass Lohan steil behauptet, die Bibel gäbe keine Erziehungstipps, wie Eltern ihre Kinder erziehen sollten (:22). Sie wäre auch kein Leitfaden oder Ratgeber für christliche Erziehung oder Rollenbilder (:25). Nein? Natürlich ist die Bibel das in erster Linie nicht, aber selbstverständlich gibt es Erziehungstipps, z. B. in den Sprüchen (z. B. 22,6) oder in den Büchern Mose (z. B. 2Mo 12,26; 5Mo 6,6f). Einige der im AT vorgeschlagenen Erziehungsmethoden sind in unserer Gesellschaft sogar verboten (Schläge) und müssen von ihrem ursprünglichen Sinn her interpretiert werden.

Mein Fazit: Eine Publikation zu einem wichtigen Thema mit guten Analysen zur gesellschaftlichen, kulturellen und gemeindlichen Situation und mit wertvollen Tipps für die Gemeindepraxis (für die Nach-Corona-Zeit), die aus meiner Sicht theologisch leider mit sehr einseitigen Aussagen zum biblischen Familienbild aufwartet. Hier hätte ich mir zumindest noch einen anderen theologischen Beitrag als Gegengewicht gewünscht.