Rezension: Wissenschaft als Beruf

Folgendes Buch musste ich im Rahmen einer Fortbildung lesen und beurteilen: Weber, Max 1995, Wissenschaft als Beruf, Stuttgart: Philipp Reclam jun.

1. Die Kerngedanken von Max Weber in seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“

Wie gestaltet sich die Wissenschaft als Beruf im materiellen Sinne des Wortes?[2] Diese Frage will Max Weber mit seinem Vortrag beantworten. Zunächst vergleicht er die Situation an deutschen Universitäten Anfang des 20. Jahrhunderts, bei denen er ein plutokratisches System[3] ausmacht, mit der US-Amerikanischen Situation, die er bürokratisch organisiert sieht, wenn es um die Laufbahn als Wissenschaftler geht. Er stellt fest, dass sich das deutsche System im Laufe der Zeit amerikanisiert (Weber 1995:6) und sieht darin zwar technische Vorzüge, aber einen „Geist“, der anders ist als die althistorische Atmosphäre der deutschen Universitäten. Er stellt fest, dass nicht mehr zwischen dem Beruf Gelehrter und Lehrer unterschieden wird, sondern immer mehr auf die Hörerzahlen geachtet wird (:10).
Weber macht zunächst deutlich, dass man Wissenschaft als Beruf nur durch enge Spezialisierung ausüben kann. Nur so wird man das „Erlebnis der Wissenschaft“ haben (:11).
Verehrte Anwesende! >Persönlichkeit< auf wissenschaftlichem Gebiet hat nur der, der rein der Sache dient.
Mit diesem Satz leitet Weber den Hauptgedanken seines Vortrages ein (:15). Da wissenschaftliche Arbeit eingespannt in den Ablauf des Fortschritts ist, kann sie niemals endgültig alle Fragen beantworten. Weber konstatiert das Sinnproblem der Wissenschaft (:17). Alle Naturwissenschaften geben uns Antwort auf die Frage: Was sollen wir tun, wenn wir das Leben technisch beherrschen wollen? Ob wir es aber technisch beherrschen sollen und wollen, und ob das letztlich eigentlich Sinn hat: – das lassen sie ganz dahingestellt oder setzen es für ihre Zwecke voraus (:27):
Weber spricht sich daher für eine strenge Trennung von Politik und Wissenschaft, bzw. Religion und Wissenschaft aus. … weil der Prophet und der Demagoge nicht auf das Katheder eines Hörsaals gehören. Wissenschaft ist für Weber in diesem Sinne voraussetzungslos. Sie schafft Klarheit über die verschiedenen Systeme und führt letztlich zum Polytheismus (:32). Der Wissenschaftler versteht seinen Beruf als Lehrer und nicht als Führer. Wenn dem so ist, was leistet denn nun eigentlich die Wissenschaft? (:37) Laut Weber Kenntnisse über die Technik, wie man das Leben und die äußeren Dingen durch Berechnung beherrscht. Weiter lehrt sie Methoden des Denkens. Vor allem aber schafft sie Klarheit über die unterschiedlichen Sichtweisen und Wertvorstellungen. Wir können so, wenn wir unsere Sache verstehen (…), den Einzelnen nötigen, oder wenigstens ihm dabei helfen, sich selbst Rechenschaft zu geben über den letzten Sinn seines eigenen Tuns (:39).
Zum Schluss geht Weber noch auf die Theologie als Wissenschaft ein, die für ihn diesen Status beibehält. Ihre Grundvorrausetzungen liegen aber jenseits dessen, was Wissenschaft ist. Sie enthüllt, dass man als religiös positiver Mensch nicht umhin kommt das Opfer des Intellekts zu vollziehen (:43). Dieses Opfer leistet man gegenüber der Kirche aber es gehört nicht in den Hörsaal. Hier ist schlichte intellektuelle Rechtschaffenheit gefragt.

2. Zusammenfassung des Nachwortes von F. Tenbruck

„Max Webers Vortrag >Wissenschaft als Beruf< wurde nicht für Fachleute geschrieben und behandelt weniger die Wissenschaft als vielmehr die geistige Lage des Menschen in der verwissenschaftlichen Zivilisation.“ (Weber 1995:47). So beginnt Friedrich Tenbrucks Kommentar zu Webers Vortrag. Folglich zeigt er die zeitgeschichtlichen Hintergründe auf, die Webers Publikum 1917 selbstverständlich waren, aber dem heutigen Leser erhellt werden müssen.
Tenbruck entfaltet zunächst das Thema Der Berufsgedanke. Beruf wurde in einem Doppelsinn verstanden. Neben der Verrichtung von Arbeit bedeutete Beruf „… die persönliche Berufung zu einer Aufgabe …, die völlige Hingabe verlangt und dafür Erfüllung verspricht …“ (:50). Auch die Wissenschaft gilt bei Weber als innerer Beruf. Tenbruck nennt dies die Hauptsache von Webers Vortrag. Weber selbst vertritt diesen Standpunkt schon in seinem Erstlingswerk von 1904/1905 Die protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus. Die protestantische Ethik wertet die weltliche Arbeit auf und sieht sie als Dienst für Gott an, freilich mit der Schwäche, dass Arbeit zur Askese führte, was den normalen Genuss anging.
Im Zuge der Entstehung des Kapitalismus nimmt diese Einstellung eine Wende: „… je mehr sich die kapitalistische Wirtschaft entfaltete, desto mehr konnte sie die religiöse Fundierung des Berufsgedankens entbehren, weil nun die rastlose Arbeit zum Zwang des Überlebens wurde.“ (:54). Durch die allgemeine Anerkennung der Wissenschaft füllte sie den Begriff des Berufes neu. „Damit war der Fortschritt der Wissenschaft zur sittlichen Aufgabe der innerweltlichen Erlösung der Menschheit geworden, die Arbeit des Wissenschaftler somit zum Dienst an diesem Werk und die Teilnahme der Bürger am Fortschritt der Erkenntnis der Weg zum eigenen Leben in Klarheit und Wahrheit … So rückte die Wissenschaft zum wichtigsten Beruf auf, den der Wissenschaftler nur erfüllen konnte, wenn er dazu innerlich berufen war. Wissenschaft musste Berufung sein, um ihre Menschheitsaufgabe zu erfüllen.“ (:56).
Neben diesem zeitgeschichtlichen Ansatz zum Beruf führt Tenbruck einen weiteren Aspekt an: Der Glaube an die Wissenschaft. Man erwartete im damaligen Europa durch sie eine Verbesserung der äußeren Daseinsbedingungen und eine verlässliche Weltanschauung. Dies ging so weit, dass man Europa auf dem Weg zu einer Kultur sah, die sich selbst begründen konnte. In Deutschland kam ein weiterer Aspekt hinzu: Die Bildung durch Wissenschaft. Ende des 19. Jahrhunderts wurde dieses Denken unter anderem von Nietzsche und an den französischen Universitäten radikal in Frage gestellt. Es bedarf einer neuen Wissenschaft. Diese muss endlich „… die schuldige Auskunft über den Sinn der Welt und des Lebens geben werden.“ (:63).
Damit leitet Tenbruck den dritten Teil seines Kommentars ein: Der Sinn der Wissenschaft: Weber sieht Wissenschaft nicht als gewöhnlichen Beruf und fordert daher beharrliche Hingabe, die wiederum im Glauben an ihre Bedeutung verwurzelt ist. Hier wird der Kern von Webers Vortrag deutlich: Seine dramatische Skizze der Geschichte der Wissenschaft, die mit Illusionen über deren Sinn aufräumt. Hier zieht er historische Bilanz, um im Anschluss die Frage zu beantworten, wo der Sinn der Wissenschaft nun liegt, wenn sie den Sinn der Welt und des Lebens nicht beantworten kann. Gleichzeitig streift Weber in diesem Zusammenhang das Thema Wertfreiheit der Wissenschaft. Jeder Wissenschaftler als Person muss sich selbst Rechenschaft geben, über den Sinn seines eigenen Tuns. Weber möchte von der Wissenschaft Hilfe für diese Selbstbesinnung. Darin sieht er den letzten Sinn, den sie heute noch beanspruchen kann. Weber lebte dabei in einer Zeit, in der die Wissenschaft begann in einzelne Disziplinen auseinander zu fallen. Durch die Entstehung der empirischen Einzelwissenschaften im 19. Jahrhundert wurde das Denken von einer einzelnen Wissenschaft, auf die sich alle Disziplinen beziehen, um einen sinnvollen Weltzusammenhang herzustellen, aufgeben.
Damit stellt sich für ihn die Frage, wie Wissenschaft unter diesen Vorraussetzungen noch ein individueller Beruf mit Hingabe sein kann. Wissenschaft ist in den Fortschritt eingespannt worden und zwar in den Fortschritt, der nicht zur bleibenden und endgültigen Wahrheit führt, sondern als Dauerbetrieb organisiert ist. Das stellt für Weber die Entzauberung der Welt dar. „Damit ist das eigentliche Problem entfaltet. Welchen Sinn die ins Unendliche laufende Wissenschaft noch haben kann, entscheidet sich an der Rolle, die sie in der Geschichte der Kultur spielt.“ (:71).
Ist es unter diesen Umständen noch lohnenswert, Wissenschaft als Beruf zu sehen?
Da Weber nicht achselzuckend endet, folgt Tenbruck mit dem Absatz Die Bedeutung der Wissenschaft. Weber geht es um Selbstbestimmung und fordert daher, sich selbst Rechenschaft zu geben, über den letzten Sinn seines Handelns. Wissenschaft lehrt uns Tatsachen, die uns dazu zwingen. Sie steht also im Dienst sittlicher Mächte. „Damit schiebt Weber dem Wissenschaftler ein sittliches Gebot zu. Denn zur geforderten Klarheit kann er nur helfen, wenn er sie selbst besitzt.“ (:74). Also wehrt sich Weber gegen zweierlei Arten von Wissenschaftler. Zunächst gegen die Leute, die als „kleine Propheten“ auftreten und die Hörer, die Erlebnisse wollen, weil dann die Wissenschaft nicht mehr wertneutral ist und sie verhindert, das Wissenschaft zur Selbstbestimmung führt. Genauso wehrt er sich gegen die Wissenschaftler, „…die monoton die Werturteilsfreiheit als methodisches Gebot einklagen, ohne zu ahnen, dass daraus das Gebot zur Selbstbestimmung auf die letzten eigenen Werte folgt. Wer das vergisst, besitzt nach Weber nicht den inneren Beruf zur Wissenschaft.“ (:75).
Tenbruck schließt seinen Kommentar zu Webers Vortrag mit einem Blick auf die Wissenschaft in den 90er Jahren. „Offenbar ist die Wissenschaft in den Zustand geraten, wo sie mehr produziert, als sie verarbeiten kann, und dies ihren Hörern und Lesern und der Öffentlichkeit aufbürdet.“ (:76).
Außerdem sieht er heute die Eitelkeit in die Wissenschaft eingebaut, was er in dem Phänomen der Massenmedien sieht. Heutige Studenten können sich diesem Druck von außen nicht entziehen.
Letztlich sieht Tenbruck jeden Studenten und Wissenschaftler in der eigenen Verantwortung. Er schließt seine Betrachtungen über Webers Vortrag mit folgenden Worten ab: „Wer nicht die Kraft aufbringt, dem Betrieb der Wissenschaft doch etwas Eigenes entgegenzustellen, dem wird es schwer fallen, die Wissenschaft als inneren Beruf zu betreiben.“ (:77)

3. Kommentar zum Kommentar von Tenbruck

Der Kommentar von Friedrich Tenbruck zum 1917 gehaltenen Vortrag von Max Weber Wissenschaft als Beruf erhellt die historischen Hintergründe, vor allen Dingen was das Denken in Bezug zur Wissenschaft in dieser Zeit angeht. Daher erschließt sich dem Leser des Kommentars der Vortrag von Weber gerade vom Aspekt der inneren Berufung zum Wissenschaftler konkreter oder sogar neu.
Tenbruck versucht ausgewogen die Sicht Webers zu interpretieren und greift dabei auf andere Werke von Weber zurück. Dies erhellt das Denken Webers und bietet damit dem Leser einen weiteren Verständnisschlüssel.
Tenbruck geht zu Recht nicht auf jedes Detail von Webers Vortrag ein, sondern beschränkt sich auf die vier großen Themen, die seiner Meinung nach das Hauptanliegen Webers darstellen. Diese sind: 1. Der Berufsgedanke; 2. Der Glaube an die Wissenschaft; 3. Der Sinn der Wissenschaft; 4. Die Bedeutung der Wissenschaft.
Damit gelingt Tenbruck ein direkter Zugang zu den wesentlichen Inhalten des Vortrages. Er bringt seine Hauptanliegen auf den Punkt, ohne sich in Einzelheiten zu ergehen.
Der Blick in die heutige Zeit und die damit verbundene Interpretation von Webers Vortrag für die Zeit zum Ende des 20. Jahrhunderts runden den Kommentar ab und zeigen, dass die Kernaussage von Weber nach wie vor gilt: Wer Wissenschaft betreibt, um der Menschheit dienen zu können, braucht eine innere Berufung. Ohne diese Berufung wird man ein Teil im großen, immer schneller werdenden Fluss des Fortschritts und versinkt in der Bedeutungslosigkeit.

4. Persönliche Stellungnahme zu Webers Vortrag

Webers Vortrag macht auf mich in erster Linie einen etwas verwirrenden Eindruck. Beim genaueren Hinsehen erhält er ziemlich viele gute Gedanken, die sich aber teilweise zu widersprechen scheinen. Diese Spannung wird im gesamten Vortrag und auch in Tenbrucks Kommentaren nie ganz aufgelöst. Auch das Gespräch mit anderen Studierenden über den Vortrag brachte sehr unterschiedliche Interpretationen zum Vorschein.
Das wiederum macht den Reiz dieser Lektüre aus. Konkret haben mich folgende Aspekte von Webers Vortrag angesprochen.

  • Wissenschaft ist eine Berufung: Wer Wissenschaftler ist, sollte diese Aufgabe mit Leidenschaft betreiben. Diesen Ansatz halte ich generell für eine gute Einstellung zum eigenen Beruf. Durch die jüngsten Skandale im Bereich der Genforschung, wo offensichtlich Wissenschaftler Forschungen gefälscht haben, um Karriere zu machen, ist diese Mahnung wieder hoch aktuell.
  • Wissenschaft kann die Sinnfrage nicht beantworten und sollte dies auch nicht versuchen: Hier kann ich Weber nur theoretisch zustimmen. Die Frage nach dem Sinn des Lebens und nach der Ethik gehört grundsätzlich nicht in den Bereich der Wissenschaft. Praktisch halte ich aber diesen Ansatz nicht für lebbar. Als Menschen können wir unsere Persönlichkeit und unsere Einstellung nie ganz ausblenden. Manche Erkenntnisse verlangen eine direkte Antwort und die wird oftmals in der Praxis auch gegeben. Vorraussetzungsfreie Wissenschaft bleibt meines Erachtens ein Idealbild, was letztlich nicht erreichbar ist und auch als Christ nicht unbedingt anstrebenswert ist.
    Alle Fragen müssen aus meiner Sicht in Gott münden. Egal ob sie wissenschaftlich oder persönlicher Natur sind. Insofern kann ich Gott und meine Theologie nicht aus der Wissenschaft ausblenden. Natürlich ist dies in einem „weltanschaulich neutralen Staat“ ein schwieriger Spagat. Dennoch bleibt letztlich die Frage ob es weltanschauliche Neutralität überhaupt gibt, oder ob diese Position nicht auch wieder eine Position ist, die nicht neutral ist.

Diese zwei Aspekte sind für mich in Webers Vortrag am eindrücklichsten gewesen und haben mich gedanklich herausgefordert.

Als Lektüre für ein wissenschaftliches Studium halte ich den Vortrag von Weber als sehr geeignet und bin froh, dass ich ihn im Rahmen des Studiums lesen konnte, weil er mich herausgefordert hat komplex zu denken.


[2] Der Begriff Beruf umfasst in der damaligen Zeit die Aspekte persönliche Berufung und Ausübung des Berufes (hier als Wissenschaftler) (siehe Weber 2005: 3).

[3] In einem plutokratischen System sind Ämter in der Regel nur den Besitzenden zugänglich. Aus Artikel Plutokatrie, www.wikipedia.de (22.03.2006)

Gutes Zitat Nr. 3: Vorsätze

„… Vorsätze seien das sicherste Mittel, uns daran zu hindern, etwas in unserem Leben in Bewegung zu bringen … Ich flüchte mich vor der Herausforderung des gegenwärtigen Augenblickes in die Unverbindlichkeit der Zukunft … Die Kunst des geistlichen Lebens besteht darin, die kleinen Dinge des Alltags zu einer Einübung in die Gegenwart Gottes zu machen …. Wir müssen ein Programm aufstellen, wie wir uns in kleinen Schritten in den Geist Jesu einüben können, ein bescheidenes Programm, das auch durchführbar ist. Wenn wir nur einen Gang, den wir täglich gehen, zu einer Einübung in die Gegenwart Gottes machen, dann hat sich damit schon etwas Entscheidendes in unserem Leben geändert.“

Anselm Grün in seinem Buch „Einreden“, Seite 39f

Wenn dir nach fünf Tagen Urlaub die Katze …

… aus dem Wohnzimmer entgegenkommt, dann muss was richtig schiefgelaufen sein, denn dann …

  • … schmelzt der Erholungseffekt in Nullkommanichts zusammen
  • … musst du erstmal die wildgewordene Katze beruhigen und sie füttern
  • … und auch die Kinder, die das alles gaaanz schlimm finden, was es ja auch ist
  • … musst du die Blumen vom Boden aufheben, die von der Fensterbank gefallen sind
  • … musst du ganz schnell das Sofa aus dem Wohnzimmer rausbekommen, denn das es wurde ja als Klo benutzt, wobei du froh bist, dass es nur das Sofa war
  • … brauchst du ein neues Sofa
  • … musst du das Wohnzimmer grundreinigen (Gardinen, Boden, Kissen, …)
  • … dann musst du tagelang lüften
  • … musst du der Katze über Tage helfen ihr Wohnzimmertrauma zu überwinden und sich nicht nur im Flur aufzuhalten
  • … musst du erfahren, dass sowas leider nicht mitversichert ist
  • … fragst du dich wie das Viech wieder reingekommen ist, wo du es doch direkt vor der Abfahrt draußen rumrennen hast sehen
  • … fragst du dich, welche Katze denn dann das Fressen im Carport jeden Tag gelehrt hat und deshalb auch der freundlich versorgenden Nachbarin nichts merkwürdig vorkam
  • … wunderst dich im Nachhinein, dass nicht mehr passiert ist: Die Tapete ist nicht verkratzt, die Türen auch nicht, die Schokolade der Weihnachtsteller war nicht angefressen, die Katze lebt noch …
  • … schwörst du dir, dass so etwas nie wieder passieren darf

Neue Podcast-Episode: Der Impact von Stephanus / Apg 6,8-8,3

Eine neue Episode ist auf veitc.de podcast online.

Stephanus war der erste Märtyrer der Christenheit, der erste echte Jesus-Freak. Er hatte einen enormen Impact. Und er kann auch einen Impact auf unser Leben haben. Denn er ist voll das Vorbild.

Der Nächste bitte / Lk 10,25-37

Eine neue Episode ist auf veitc.de podcast online.

Die Predigt fand 2012 in der Predigtreihe Christ & Gesellschaft der EFG Wiedenest statt. Die zwei Sonntage vorher hat Torsten anhand Titus 3,1-8 über die Menschenliebe Gottes und damit über das missionale Verständnis von Gemeinde gepredigt. Wir müssen zunächst erkennen, dass Jesus sich für uns hingegeben hat, um uns selbst anderen hinzugeben. Dies tun wir als Teil der Gesellschaft, in der wir leben. Wir bauen mit anderen Menschen unsere Gesellschaft. In der zweiten Predigt ging es Torsten dann darum, dass wir mit anderen gesellschaftlich Handeln und Werke tun, „die gut und nützlich für die Menschen sind.“ In meiner Predigt geht es um Aspekte des christlichen Handelns im Sinne von Gemeinwesenprojekte. Ich wähle aber den Zugang zum Thema über Lukas 10,25-37 und erörtere, dass wir die Nächsten sein wollen müssen. Daraus ergibt sich die Frage nach Projekten, die uns vor den Füßen liegen. Den Sonntag darauf geht es dann um Christ und Politik.

Rezension: Lieben, was das Zeug hält

Heinrich, Frank, Lieben was das Zeug hält, Neufeld-Verlag 22010, 4 von 5 Punkten

Lieben was das Zeug hält, Frank HeinrichEin Buch, was mich überrascht hat. Es hat mich persönlich angesprochen und deswegen bringe ich in dieser Rezension viele Zitate.

Frank Heinrich, langjähriger Leiter der Heilsarmee in Chemnitz und jetziger Bundestagsabgeordneter schreibt in 8 Kapiteln, was er über Liebe gelernt hat.
Sein Ansatz dabei: „Ich wollte mich mit nichts weniger zufrieden geben als mit echter Lieber, denn ich wusste, dass es sie gibt.“ (12)

Weil Gott Liebe ist, können wir als seine Nachfolger auch echt lieben. Und diese Liebe drückt sich nach 1Joh 3,18 in Tat und Wahrheit aus. „Wir tragen sein Gen in uns. Deshalb – und nur deshalb – können wir Menschen um uns herum aufrichtig und selbstlos lieben … Gottes Lieben in uns will lieben.“ (30)

Um das zu leben, müssen wir Gott richtig können: „Der Dreischritt lautet: Gott kennen – Gott lieben – Gott dienen. Erst wenn ich begreife, wer Gott ist und wie er wirklich zu mir steht, werde ich die Liebe entwickeln, die es braucht, um ihm so dienen zu können, wie es ihm entspricht.“ (45) „Die Liebe ist dann die oberste Frucht dieses Heiligen Geistes. Ich kann sie nicht selbst produzieren. Ich kann nur die Grundlage aufrechterhalten.“ (46). Und die steht in Joh 15,5.
Richtig spannend wird es in Kapitel 6. Lieben mit Herz und Hirn. Heinrich führt sehr viele Bereiche (Einstellung und Haltungen) auf, „… die um der Liebe Willen reformbedürftig sind.“ (57)

Z.B. die Frage: Wer ist mein Nächster? Wie ist das im 21. Jahrhundert, wo mir das kleine Mädchen in Myanmar durch die Nachrichten viel näher scheint, als mein Nachbar? Heinrich leitet vom Gleichnis des barmherzigen Samariters ab: „Der Nächste ist demnach der nahe Liegende, der in meiner Nähe lebt, der mir begegnet. Und ich werde ihm zum Nächsten durch meine Liebestat, mit der ich ihm begegne.“ (59) „Es sind eher die Menschen in meiner näheren Umgebung, die ich vielleicht erst einmal übersehe.“ (60) Viele Christen spenden für die Nöte der Welt. Das ist gut. Aber wenige sind bereit in ihrem unmittelbaren Umfeld als Nächste aufzutreten. Das ist nicht gut. In unsere Gesellschaft ist Liebe nicht nur „… ein Job für eine Körperschaft, Institution oder einen Verein, sondern der konkrete Einsatz des einen für den anderen.“ (60) „Wir müssen es zulassen, dass unsere Nächsten tatsächlich in unserer Nähe wohnen: Arbeitslose, Ausländer, Aussiedler, alte Menschen, … Alleinstehende, Alleinerziehende, Asylbewerber, Analphabeten, AIDS-Kranke …“ (60)
Weiter müssen wir unseren Blick verändern: Um solchen Menschen zu begegnen, müssen wir Vorurteile abbauen (61f). „Und deswegen ist es so wichtig, dass wir unserem Gegenüber zuerst einmal das Beste unterstellen. Ich nenne das >den roten Teppich der Gunst ausrollen<.“ (62) „Ich halte den roten Teppich der Gunst für unverzichtbar, wenn wir liebevolle Beziehungen zu anderen Menschen aufbauen wollen. Und manchmal müssen wir auch noch den >roten Teppich der Gnade< dranlegen.“ (64)
Ebenso entscheidend ist es, wie wir mit Wahrheit umgehen. Denn Wahrheit ohne Liebe macht eitel, kritisch, brutal, lieblos … (77). Die Wahrheitsfrage ist daher ein super Trainingsfeld für die Liebe.

Heinrich schlägt schließlich eine Revolution vor: „Bei einer Revolution geht es drunter und drüber. Da ändert sich die Welt schlagartig. Es gelten plötzlich neue, andere Regeln. Ich bin für Revolution in Sachen Liebe. Ich sehne mich danach, dass wir Christen durch gelebte Jesus-Liebe unsere Welt auf den Kopf stellen. Doch Revolution beginnen nie auf der Straße, sondern immer in den Köpfen und Herzen der Menschen. Eine Liebes-Revolution der Christenheit beginnt in den Herzen der Christen.“ (83)
Heinrich geht auch auf die Spannung ein, in der Christen leben: in der Welt, aber nicht von der Welt (92f). „Christen sollen sich deutlich von der Welt, in der sie leben, unterscheiden. Gleichzeitig sind sie hineingesandt mitten in diese Welt. Ein Spagat, der uns ganz schön fordert. Doch das ist unsere Bestimmung, die Jesus selbst uns mitgegeben hat … Es bedeutet permanente Konfrontation und gleichzeitig doch immer auch Arrangement mit der Kultur, in der wir leben. Wir fühlen uns ein in unsere Welt und weigern uns gleichzeitig, in Zeitgeist und Kultur aufzugehen … In Punkto Liebe bedeute das: Wir lieben diese vergängliche Welt nicht und sind gleichzeitig bereit, aus Liebe für die Menschen in dieser Welt alles zu geben.“ (92-93). Vielleicht müssen wir deshalb „… näher an den Rand rücken, näher an die Menschen, die in meinem Umfeld am Rand stehen … Natürlich steigt mit der Nähe das Verletzungsrisiko.“ (95)

„Ich höre Christen, die sich über die Gettoisierung bestimmter Gesellschaftsgruppen beklagen … Wie hat Jesus diese Abgrenzung gelöst? Dadurch, dass er kam. Er sich unter uns gemischt, als wir noch Fremde und Fremdlinge waren. Sein Einsatz hat sich gelohnt … Er setzte sich zu den Menschen, wurde einer von ihnen und gewann ihr Vertrauen. Sie wurden Teil seiner Geschichte, wie er ein Teil der ihren wurde. Genau darum geht es: Teil der Geschichte der anderen werden – besonders derer, die unterdrückt oder ausgegrenzt werden.“ (113-114)