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Exegese Mt. 9, 35-38

© by Veit Claesberg

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1. Überblick über das gesamte Dokument

2. Textkritik / Übersetzungsvergleich

3. Gliederung

4. Kontext

5. Synoptischer Vergleich

6. Vers für Vers - Kommentar

7. Gesamtbiblischer Kontext

8. Skopus

Literatur

 

1. Überblick über das gesamte Dokument

1.1. Verfasser

Als Verfasser des Evangeliums kann man getrost den Zöllner Matthäus / Levi nennen.

Dies machen zunächst die alten Überschriften über das Evangelium deutlich. Weiter spricht die altkirchliche Überlieferung dafür. Am berühmtesten dürfte das Papiaszitat (um 130) sein, was Eusebius (gest. 339) in seiner Kirchengeschichte zitiert. „Matthäus schrieb in hebräischer Sprache (in hebräischem Dialekt) die Reden auf; es übersetzte sie aber ein jeder, so gut er es vermochte.“[1]

Seit Schleiermacher, der dieses Zitat eigenwillig dahingehend interpretierte, dass er die Reden als einzelne Fragmente verstand, vermutet man nun, dass die Evangelien Sammlungen von verschiedenen Aufzeichnungen sind. Fast gleichzeitig entwickelte sich die Zwei-Quellen Hypothese, die besagt, dass Matthäus aus dem MKEV und Q und Sondergut zusammengesetzt sei.

Das alles sind Spekulationen, die ich ablehne. Ich setzte die Reden mit dem ganzen MTEV gleich. Außerdem bestätigen weitere Kirchenväter Matthäus als Verfasser (Irenäus, Origenes...).

Wer war nun dieser Matthäus, der auch Levi genannt wird?

Laut Origenes war es der Zöllner und spätere Apostel Jesu. Von modernen Theologen wird diese These oft abgelehnt - von mir nicht.

Sein Name bedeutet wohl >Geschenk Jahwes<.  Er kommt in allen Apostellisten vor. Aufgrund des synoptischen Vergleiches kommt man zu dem Schluss, dass der Levi in Mk. 2, 13-17 und Lk. 5, 27- 32 mit dem Matthäus aus Mt. 9, 9-13 identisch ist.

Sein Beruf war Zöllner und damit anstößig. Er war in Kapernaum stationiert, also im Gebiet des Herodes Antipas und war somit nicht römischer Beamter, sondern Beamter im Dienst eines Landesfürsten, der für die Römer Zölle eintrieb.[2] Die Beamten versuchten sich, wie der Zollpächter, zu bereichern. Von daher waren Zöllner nicht beliebt. Für strenge Juden kam noch hinzu, dass ein Zöllner sich durch den Umgang mit Heiden ständig verunreinigte. Zöllner hatte fast denselben Klang wie Sünder.

Als Zöllner konnte Matthäus schreiben und kannte die Sprachen Aramäisch und Griechisch.

 

1.2. Zeit / Ort

Die Frage nach der Abfassung hängt mit der Exegetischen Methode und der Hermeneutik des Auslegers zusammen. Ich vertrete einen historisch - biblischen Ansatz und schließe mich daher Mauerhofer, Zahn und dem Lexikon zur Bibel an. Sie datieren auf 40-66 n. Chr., also vor der Zerstörung Jerusalems.

Als Ort kommt aufgrund der aramäischen Abfassungssprache der Raum Palästina in Frage.

 

1.3. Zielsetzung des MTEV / Empfänger

Wenn Matthäus in aramäisch schrieb, kann er sich zunächst nur an die Juden wenden. Außerdem deuten seine vielen Schriftbeweise auf jüdische Empfänger hin. Es wird sich um eine Missionsschrift handeln.

„Matthäus konzipiert sein Evangelium nicht als „theologischen Entwurf“, sondern als eine Erzählung, in der der Schwerpunkt nicht einseitig auf „Reden“ oder auf „Handlungen“ liegt, sondern auf Jesus Christus. Der Höhepunkt des Evangeliums sind Leiden, Tod und Auferstehung Jesu.“ [3]

„Die Zielsetzung des Matthäus ist unverkennbar: Er will den Nachweis erbringen, >dass Jesus der im AT geweissagte Messias, der das AT zur Erfüllung bringende göttliche Gesetzgeber< ist. Der christliche Glaube ist die Vollendung der atl. >Theokratie und die christliche Kirche die Schöpfung Jesu..., in der sich der Wille Gottes mit der Menschheit vollendet.<[4]

 

1.4. Besonderheiten / Merkmale

·        kurzgefasste Erzählungen im Vergleich zu MKEV

·        messianisches Interesse: Erfüllung der atl. Prophetie

·        Jesus, ein Retter der Juden und ein Retter der Welt (heilsgeschichtlicher Umbruch)

·        Jesus Stellung zum Gesetz: Mt. 5, 17ff

·        Jesus und die Kirche bzw. die Gemeinde: zwei Aussagen über die ekklesia

·        eschatologisches Interesse: diverse Gleichnisse

·        Das Himmelreich / die Königsherrschaft der Himmel = Reich Gottes: Gleichnisse

 

1.5. Sonstiges - Die Ursprache des MTEV

Aufgrund des Zitates von Papias kann man davon ausgehen, dass es sich beim griechischen MTEV tatsächlich um eine Übersetzung handelt. Allerdings wird dies oft angezweifelt, weil es sich bei dem Text des MTEV um ein sehr gutes Griechisch handelt und weil man eben oft davon ausgeht, dass der Verfasser des MTEV als Vorlage das MKEV genommen hat. Auch die AT - Zitate sind wahrscheinlich aus der LXX genommen.

 

1.6. Gliederung

1. Die Ankunft des Messias                                                                                  1, 1-2, 23

2. Vorbereitung der Wirksamkeit des Messias                                                  3, 1-4, 11

3. Jesus Wirksamkeit in Galiläa und den benachbarten Gebieten                  4, 12-18, 35

3.1.     Darlegung der messianischen Grundlehre                               4, 12-7, 29

3.2.     Demonstration der messianischen Autorität                             8, 1-10, 42

3.2.1. Bericht über Heilungen und Wunder                              8, 1-9, 34

3.2.2. Zweite Rede-Einheit: Jesus Missionsrede                     9, 35-10, 42

            und Aussendung der zwölf Jünger

- Jesus Erbarmen angesichts großer geistl. Not           9, 35-36

- Der Missions-Appell                                                       9, 37-38

- Auftragserteilung an die 12 Jünger                               10, 1-4

- Aussendung zu den Israeliten                                       10, 5-15

- Mahnung zum mutigen Bekennen                               10, 16-33

- Bedingungen der Nachfolge                                          10, 34-49

- Der Lohn derer, die Jesu Boten helfen                        10, 40-42

3.3. Wachsender Widerstand gegen den Messias                              11, 1-13, 52

3.4. Ablehnung des Messias von Seiten der Juden                            13, 53-18, 35

       und Selbstoffenbarung gegenüber den Jüngern

4. Wirken des Messias in Judäa (im Schatten des Kreuzes)                           19, 1-25, 46

4.1. Der sogenannte jüdische Reisebericht                                          19, 1-22, 46

4.2. Fünfte Redeeinheit: Wehe über die Pharisäer                              23, 1-25, 46

5. Höhepunkt des Evangeliums: Passion, Auferstehung und                            26, 1- 28, 20

    Auftrag des Messias

 

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2. Textkritik / Übersetzungsvergleich

2.1. Textkritik

Es gibt laut Nestle-Aland keine nennenswerten Textvarianten.[5]

 

2.2. Übersetzungsvergleich von REÜ, GNB, HFA, Luther und EÜ

Mt 9,35              Und Jesus zog umher durch alle Städte und Dörfer und lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium des Reiches1 (HFA: Heilsbotschaft vom Reich Gottes/ GNB: die gute Nachricht, daß Gott jetzt seine Herrschaft aufrichtet und sein Werk vollendet - mit Fußnote) und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen.

                         (1) o. der Königsherrschaft

Mt 9,36              Als er aber die Volksmengen sah (HFA: die ihm nachliefen), wurde er innerlich bewegt über sie (Luther: jammerte es ihn/ EÜ, HFA: Mitleid/ GNB: ergriff ihn das Mitleid), weil sie erschöpft und verschmachtet1 (Luther: verschmachtet und zerstreut/ EÜ: müde und erschöpft/ HFA: hilflos und verängstigt, ohne Ziel und ohne Hoffnung) waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.

                         (1) w. niedergeworfen, am Boden liegend

Mt 9,37              Dann spricht er zu seinen Jüngern: Die Ernte zwar ist groß, die Arbeiter aber sind wenige (GNB: Hier wartet eine reiche Ernte, aber es gibt nicht genug Menschen...)

Mt 9,38              Bittet nun den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter aussende in seine Ernte! (HFA: ...noch mehr Arbeiter schickt, die seine Ernte einbringen/ GNB: ...die nötigen Leute schickt)

 

Die klassischen Übersetzungen sind sich sehr ähnlich. Die neueren Übersetzungen interpretieren auffällig, am meisten die HFA. Die GNB vermeidet den Begriff „Arbeiter“. Beide Übersetzungen kommen m.E. hier nicht gut weg.

Für die Predigt wähle ich die Einheitsübersetzung oder die Revidierte Elberfelder.

 

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3. Gliederung

Summarium (9, 35)

Aufforderung aufgrund einer akuten Situation (Mt. 9, 36-38)

1.         Jesus lehrt, predigt das Evangelium des Reiches und heilt alle Krankheiten, während        seinen Reisen. (35)

2.         Jesus sieht das Volk und ihn ergreift Mitleid, weil es erschöpft und müde ist, wie    Schafe ohne Hirten. (36)

3.         Jesus stellt Mangel fest und fordert seine Jünger zum Gebet auf. (37. 38)

3.1.     Die Ernte ist groß - es sind zu wenig Arbeiter. (37)

3.2.     Bittet den Herrn der Ernte, um Arbeiter für seine Ernte. (38)

 

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4. Kontext

4.1. Weiterer Kontext - Mt. 8, 1-11, 1

4.1.1. Begründung

In 8, 1-9, 34  werden hauptsächlich Wunder und Heilungen geschildert. 9, 35 ist ein Summarium und fast diese Berichte zusammen.

In 9, 36-38 wird die Grundlage für die folgende Aussendung der Jünger gelegt, die nach einer Reihe von Ermutigungen Jesu mit 11, 1 abgeschlossen werden.

4.1.2. Kontext

Nach der Bergpredigt (5-7) beginnt, eingeleitet mit dem Stichwort Vollmacht in 7, 29, der folgende Sinnabschnitt mit dem Bericht über die Heilung eines Aussätzigen (8, 1-4). Danach folgt die Heilung des Dieners vom Hauptmann aus Kapernaum, der als Heide einen so großen Glauben hatte, wie er in ganz Israel nicht vorkam. Jesus verheißt dabei, dass alle Nationen am Tisch Abrahams vertreten sein werden (5-13). Dann heilt Jesus die Schwiegermutter von Petrus (14. 15) und einem weiteren Summarium ist zu entnehmen, dass er auch viele Besessene geheilt hat (16. 17).

In 8, 18-22 macht Jesus krass deutlich, was echte Nachfolge bedeutet. Es folgt die Stillung des Sturmes (23-27) und eine weiterer Bericht über die Heilung Besessener, mit einigen merkwürdigen Umständen (28-34).

In 9, 1-8 berichtet Matthäus von der Heilung eines Gelähmten, dem Jesus auch, zum Ärger der Schriftgelehrten, die Sünden vergibt.

Dann folgt die Berufungsgeschichte des Verfassers selbst (9-13) und die Reaktionen darauf. Jesus betont in diesem Zusammenhang, dass er für die Sünder gekommen ist.

Jesus nimmt aufgrund einer Anfrage Stellung zum Thema Fasten (14-17).

Matthäus berichtet von der Heilung einer blutflüssigen Frau, parallel zur Auferweckung eines Mädchens. Dann folgt noch ein Bericht über die HHeHeilung zweier Blinder (18-26/27-31). Schließlich wird noch berichtet, wie Jesus einen stummen Besessenen heilt

, bevor V. 35 zusammenfasst. Es folgt 36-38...

Nun sendet Jesus seine Jünger zu seinem Volk aus und gibt ihnen Vollmacht und genaue Instruktionen (10, 1-15). Er ermutigt sie für ihren Dienst und nimmt dabei kein Blatt vor dem Mund (16-39). Schließlich wird noch der Lohn der Nachfolge erwähnt (40-42).

11, 1 schließt den Block ab, indem eine neue Reise Jesu einsetzt.

 

4.2. Engerer Kontext - Mt. 9, 35-10, 15

4.2.1. Begründung

Wie gesagt: V. 35 schließt eine Einheit ab und fasst zusammen und ab 36 wird etwas neues eingeleitet. Dieses Neue ist die Aussendung der Jünger zum Volk Israel und muss daher mit 36-38 im Zusammenhang gesehen werden.

4.2.2. Kontext

Nach Mt. 9, 35-38 wird berichtet, wie Jesus seinen Jüngern Vollmacht gab, übernatürliche Dinge zu tun (Heilungen, Austreibungen). Diese Jünger sind: Petrus, Andreas, Jakobus, Johannes, Philippus, Bartholomäus, Thomas, Matthäus, Jakobus (Sohn des Alphäus), Thaddäus, Simon und Judas.

Jesus sendet sie ausdrücklich nur nach Israel. Wenn sie in eine Stadt kommen, sollen die das Evangelium vom Reich Gottes verkündigen und Wunder tun - umsonst! Sie sollen sich überlegen, wer würdig ist, sie aufzunehmen, bis ihr Auftrag in der Stadt erfüllt ist. Falls niemand bereit ist, so soll die Stadt verlassen werden. Sodom & Co. wird es am Tag des Gerichts besser gehen.

 

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5. Synoptischer Vergleich

Die Parallele in Mk. 6, 7ff. 34:

Markus Berichtet auch von der Aussendung der Zwölf, wobei er ihre Namen schon in 3, 13f nennt. Zu dem eigentlichen Text in Mt. 9 , 35f gibt es keine direkte Parallele, außer das Jesus im Zusammenhang mit der Speisung der Fünftausend in Mk 9, 34 eine ähnliche Reaktion zeigt wie in unserem Text (so aber auch in Mt. 14, 14).

Die Parallele in Lk. 9, 1; 10, 2:

Lukas berichtet ebenfalls von der Aussendung der Zwölf, auch wie MK und MT nach der Heilung der blutflüssigen Frau und der Auferweckung der Tochter des Jarius. Allerdings findet sich die Aussage über die Ernte bei ihm im Zusammenhang mit der Aussendung der 70 Jünger. Auch er erwähnt die Namen der Zwölf schon in 6, 13ff.

Die Parallele in Joh. 4, 35:

Die Parallele bei Johannes steht zwar in einem anderen Zusammenhang, macht aber deutlich, dass die Jünger in die Ernte geschickt werden.

 

Matthäus

Markus

Lukas

Johannes

Mt 9,35-38       

Und Jesus zog umher durch alle Städte und Dörfer und lehrte in ihren Synagogen und predigte das Evangelium des Reiches und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechen.

 

Als er aber die Volksmengen sah, wurde er innerlich bewegt über sie, weil sie erschöpft und verschmachtet waren wie Schafe, die keinen Hirten haben.             

 

Dann spricht er zu

seinen Jüngern: Die Ernte zwar ist groß, die Arbeiter aber sind wenige.

Bittet nun den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter aussende in seine Ernte!

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mk 6,34            

Und als Jesus aus <dem Boot> trat, sah er eine große Volksmenge und wurde innerlich bewegt über sie; denn sie waren wie Schafe, die keinen Hirten haben. Und er fing an, sie vieles zu lehren.

 

 

 

 

 

 

 

Mk 6,6-8 

Und er wunderte sich über ihren Unglauben. Und er zog durch die Dörfer ringsum und lehrte.     

Und er ruft die Zwölf herbei; und er fing an, sie zu zwei und zwei auszusenden, und gab ihnen Vollmacht über die unreinen Geister.   

Und er gebot ihnen, dass sie nichts mit auf den Weg nehmen sollten als nur einen Stab; kein Brot, keine Tasche, keine Münze im Gürtel,...

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Lk 10,2             

Er sprach aber zu ihnen: Die Ernte zwar ist groß, die Arbeiter aber sind wenige. Bittet nun den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter aussende in seine Ernte!

 

 

 

Lk 9,1               

Als er aber die Zwölf zusammengerufen hatte, gab er ihnen Kraft und Vollmacht über alle Dämonen und zur Heilung von Krankheiten.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Joh 4,35-38     

Sagt ihr nicht: Es sind

noch vier Monate,

und die Ernte kommt? Siehe, ich sage euch: Hebt eure Augen auf und schaut die Felder an! Denn sie sind schon weiß zur Ernte.

Der da erntet, empfängt Lohn und sammelt Frucht zum ewigen Leben, damit beide, der da sät und der da erntet, sich gemeinsam freuen.

Denn hierin ist der Spruch wahr: Ein anderer ist es, der da sät, und ein anderer, der da erntet.

Ich habe euch gesandt

zu ernten, woran ihr

nicht gearbeitet habt; andere haben gearbeitet, und ihr seid in ihre Arbeit eingetreten.

 

 

 

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6. Vers für Vers - Kommentar

Summarium (9, 35)

Aufforderung aufgrund einer akuten Situation (Mt. 9, 36-38)

„Vor Berufung und Sendung der Jünger und vor Jesu Weissagung über das Geschick der Jünger, wird hier die innere Triebkraft freigelegt: das Erbarmen über das von Gott geschiedene Israel.“ [6]

1.         Jesus lehrt, predigt das Evangelium des Reiches und heilt alle Krankheiten, während seinen Reisen. (35)

Mt 9,35              Und Jesus zog umher durch alle Städte und Dörfer und lehrte in ihren Synagogena und predigte das Evangelium des Reiches1 und heilte jede Krankheit und jedes Gebrechenb.
(1) o. der Königsherrschaft
(a) Mk 6,6; Lk 8,1; (b) Kap. 4,23

Dieser Vers hat eine Parallele in 4, 23 woher Zahn auch die Textvarianten deutet.[7]

Hier wird das Wirken Jesu auf den Punkt gebracht (summiert = Summarium). Jesus zieht durch das Land und lehrt, predigt und heilt.

Jesus kümmert sich also übertragen:[8]

·        um die Verbreitung des Evangeliums der Königsherrschaft, indem er umherzieht und die Menschen aufsucht. „Er macht Hausbesuche“ [9].

·        um die Lehre, indem er die Synagogen aufsucht

·        um die Proklamation des Evangeliums, indem er predigt

·        um die Diakonie, indem er hilft

 

2.         Jesus sieht das Volk und ihn ergreift Mitleid, weil es erschöpft und müde ist, wie Schafe ohne Hirten. (36)

Mt 9,36              Als er aber die Volksmengen sah, wurde er innerlich bewegt über siea, weil sie erschöpft und verschmachtet1 waren wie Schafe, die keinen Hirten habenb.
(1) w. niedergeworfen, am Boden liegend
(a) Kap. 14,14; 15,32; 20,34; Mk 1,41; Lk 7,13; (b) 4Mo 27,17; 1Kö 22,17; Hes 34,5; Mk 6,34

Jesus ist über den Zustand des Volkes erschüttert. Die Menschen in seiner unmittelbaren Umgebung sind am Ende, nicht unbedingt äußerlich, aber innerlich. Jesus empfindet tiefstes Mitleid. Dieses Mitleid ist die Brille, mit der die Welt und die Menschen gesehen werden müssen. Hier tritt das Erbarmen Gottes zutage. Dazu schreibt Luz, vom Kontext der Aussendung der Jünger her: „Das Erbarmen mit dem hirtenlosen Volk steht am Anfang der Jüngerrede. Matthäus macht dadurch klar, daß Jüngerschaft grundsätzlich auf das Volk bezogen, d.h. Sendung ist. Gemeinde ist eo ipso missionarische - im Sinn der Verkündigung, durch Werke, Zeichen und Worte - Gemeinde.“ [10]

So kommt Jesus zu dem Bild der aufsichtslosen Schafherde, die verschmachtet und erschöpft ist, weil kein Hirte anwesend ist.

Wer ist mit den Hirten gemeint? Hier gibt es nun zwei Deutungsmöglichkeiten:

Grundsätzlich gilt: Der eigentliche Hirte der Herde Israel ist Jahwe (Ps. 80, 2; 100, 3; Jes. 40, 11; Hes. 34, 11ff). Jahwe weidet seine Herde durch z.B. Mose (Num 27, 17), Könige (1. Kö. 22, 17) und andere Personen und Führer des Volkes (Hes. 34, 5ff; Jer. 3, 15). Daher kann man sagen:[11]

·        Die aktuellen Hirten des Volkes, die Priester, Schriftgelehrten und der König, haben versagt (vgl. Sach. 11, 4f; Mt. 23, 1f; Joh. 10, 1f). Das Volk steht ohne guten Hirten da. Die Jünger werden nun in die Ernte als Hirten ausgesandt und werden nach der Auferstehung als Apostel die Gemeinde weiden.

Auf der anderen Seite wird Jesus im NT auch oft als Hirte bezeichnet (Mt. 15, 24; Joh. 10, 14; 1. Petr. 5, 4 (Erzhirte); Hebr. 13, 20 (große Hirte). Daher, die zweite Variante:[12]

·        Das Volk ist das von Jesus / Jahwe getrennte Volk. Hierfür würde Jes. 53, 6; 1. Petr. 2, 25; Mt. 26, 31 sprechen. Also meint Jesus sich selbst mit dem Hirten. Dies könnte auch von Mt. 2, 6 her so gesehen werden. Gott hat Erbarmen mit seinem von ihm getrennten Volk und sendet seinen Sohn.

Maier meint, dass diese zweite Lösung logischer scheint, denn „Sonst müsste sich Kap. 23 und nicht Kap. 10 an Kap. 9 anschließen.“ [13] Luz deutet von Kap. 2 her ebenso.

Wie dem auch sei. Entweder will Jesus die Herde offensichtlich nicht alleine weiden, wie jetzt in 36 deutlich wird, oder er greift einfach ein anderes Bild auf und animiert seine Jünger zur Mitarbeit in der Ernte. M.E. sind die beiden Bilder aber verknüpft:

Jesu Aufgabe ist es nun, das Volk - sein Volk, zu weiden. Dafür braucht Jesus wiederum Mitarbeitern/Mit-Hirten (Coaching). Um dies seinen Jüngern deutlich zu machen, verwendet er das Bild der Ernte:

 

3.         Jesus stellt Mangel fest und fordert seine Jünger zum Gebet auf. (37. 38)

3.1.     Die Ernte ist groß - es sind zu wenig Arbeiter. (37)

3.2.     Bittet den Herrn der Ernte, um Arbeiter für seine Ernte. (38)

Mt 9,37              Dann spricht er zu seinen Jüngern: Die Ernte zwar ist groß, die Arbeiter aber sind wenigea.
(a) Lk 10,2

Mt 9,38              Bittet nun den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter aussende in seine Erntea!
(a) Lk 10,2

Jesus stellt zunächst fest, dass aufgrund der Not der Herde, die Ernte groß ist, also die Zeit, zum Verkünden der Königsherrschaft Gottes gekommen ist. Ernte kann als Begriff für die Endzeit oder das Gericht stehen, hier aber wohl eher nicht.[14] Es geht mehr um den positiven Ertrag der eingebracht werden soll. Evtl. handelte es sich um ein jüdisches Sprichwort.[15]

Sein Volk ist reif zur Ernte und die Zeit ist gekommen, da durch Jesus das Reich Gottes angebrochen ist. Ein normaler Grundbesitzer holt sich zur Zeit der Ernte zusätzlich Arbeiter, die speziell dafür eingestellt werden, die Ernte einzubringen. Dieses Bild überträgt Jesus auf den Vater (hier tritt Jesus hinter dem Vater zurück, den er als Herrn der Ernte bezeichnet, obwohl er sich nach Mt. 3, 12 auch so nennen könnte).

Wahrscheinlich sagt Jesus dies zu einer großen Menge Jünger (vgl. auch bei Lukas) und wendet es dann zunächst konkret auf die Zwölf an (10, 1ff).[16] Sie sollen um Arbeiter beten!:

„Jünger Jesu, die, von Gottes Geist getrieben, mit einem starken Glauben erfüllt, mit einer heiligen Liebe beseelt, mit dem Blick Jesu begabt, nämlich mit dem Blick des Erbarmens und der Hoffnung, mitbauen wollen am Reich Gottes, sind vonnöten. Sie müssen sich von Gott selber berufen wissen. Nur er kann Persönlichkeiten schenken! Und er schenkt sie, wenn darum gebetet wird. Sie sind Frucht vieler Gebete. Wunderbar, was Gott alles in unsere Hand legt und von unserer Mitwirkung abhängig macht. Sogar den Einsatz seiner Boten und Mitarbeiter! Echte Fürbitte richtet Großes aus im Reiche Gottes. Sie öffnet Herzen, Mund und Hände zum Dank und zum Dienst. Sie treibt zur Mission und Diakonie. Sie gibt uns das rechte Wort und die rechte Tat.“ [17]

 

Anmerkung:

hinaustreiben / hinauswerfen (ekballo) - die Bedeutung, die einige Ausleger dieser Vokabel zumessen, scheint übertrieben.[18]

 

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7. Gesamtbiblischer Kontext

Luz meint:

„Die Jüngerrede ist der grundlegende ekklesiologische Text des Matthäusevangeliums. Sie zeigt, wie die Jünger den Verkündigungsauftrag Jesu und sein Vollmacht übernehmen und wie ihr Leben durch die Bergpredigt, als Jesu Evangelium der Gottesherrschaft, und durch das Geschick Jesu geprägt ist.“[19]

Somit gilt die Aufforderung Jesu zum Gebet für Mitarbeiter auch uns heute und kann nicht nur auf die damalige Situation (die Jünger missionieren das Volk Israel) beschränkt werden. Das Prinzip, welches hinter diesem Text steht, muss in die heutige Zeit übertragen werden.

 

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8. Skopus

Jesus erteilt seinen Jüngern vor ihrer Aussendung, den Auftrag zum Gebet für mehr Mitarbeiter, bei der anstehenden großen Ernte, weil er die erbärmliche Situation der Menschen vor Ort sieht, die ihn emotional erregt.

 

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Literatur

1. Bibelübersetzungen

-          BibleWorkshop 97 & Modul Revidierte Elberfelder Übersetzung

-          Die Heilige Schrift, Revidierte Elberfelder Übersetzung, Wuppertal Brockhaus 21986

-          Gute Nachricht Bibel, Revidierte Fassung 1997 der >Bibel im heutigen Deutsch<, Stuttgart Deutsche Bibelgesellschaft 1997

-          Hoffnung für alle, Das neue Testament, Basel und Gießen Brunnen 41991

-          Institut für Neutestamentliche Textforschung Münster/Westfalen von Barbara Aland und Kurt Aland, Das Neue Testament Griechisch und Deutsch, StuttStiStuttgart Deutsche Bibelgesellschaft 1986

 

2. Kommentare

-          Heading, John, Was die Bibel lehrt: Matthäus (Bd. 1), Dillenburg Christliche Verlagsgesellschaft 1997

-          Luz, Ulrich, Das Evangelium nach Matthäus (Mt. 8-17), EKK 1-2, Zürich Benzinger und Neukirchen-Vluyn Neukirchener 1990

-          Maier, Gerhard, Matthäus-Evangelium 1. Teil (Edition C Bd. 1), Neuhausen-Stuttgart Hänssler 1986

-          Rienecker, Fritz, Das Evangelium des Matthäus (WStb Bd. 1), Wuppertal Brockhaus 1994

-          Zahn, Theodor, Das Evangelium des Matthäus, Leipzig/Erlangen Deichert 41922, Nachdruck: Wuppertal Brockhaus 1984

 

3. Sonstige Literatur (Lexika / Nachschlagewerke)

-          Aland, Kurt und Barbara (Hrsg), Wörterbuch zum Neuen Testament, Berlin de Gruyter 61988

-          Coenen. L. (Hrsg.), Theologisches Begriffslexikon zum Neuen Testament, Wuppertal Brockhaus 1. Sonderausgabe 1993

-          Haubeck, W. / von Siebenthal, H., Neuer Sprachlicher Schlüssel zum griechischen Neuen Testament (Matthäus - Apostelgeschichte), Gießen Brunnen 1997

-          Keener, Graig S., Kommentar zum Umfeld des Neuen Testaments Bd. 1, Neuhausen-Stuttgart Hänssler 1998

-          Neuenhausen, Ulrich, Unterrichtsskript BSW A3 1999/2000

-          Mauerhofer, Erich, Einleitung in die Schriften des Neuen Testamens 1, Matthäus - Apostelgeschichte, Neuhausen/Stuttgart Hänssler 21997

-          Peisker, Carl Heinz, Neue Luther Evangelien-Synopse, Wuppertal Oncken 41998

-          Rienecker, F. / Maier, G., Lexikon zur Bibel, Wuppertal Brockhaus 1. neu bearbeite Auflage 1994

 

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[1] Mauerhofer a.a.O. S. 54

[2] vgl. dazu Lexikon zur Bibel, Artikel Zoll, Zöllner

[3] Unterrichtskript Neuenhausen A3 1999/2000

[4] Mauerhofer a.a.O. S. 79f

[5] vgl. auch Zahn a.a.O. S. 388

[6] Maier a.a.O. S. 321

[7] vgl. Zahn a.a.O. S. 388

[8] vgl. Rienecker a.a.O. S. 126

[9] Rienecker a.a.O. S. 127

[10] Luz a.a.O. S. 80

[11] vgl. Rienecker, Keener und m.E. auch Zahn

[12] vgl. Maier, Luz

[13] Maier a.a.O. S.322

[14] im Gegensatz zu Maier und Keener steht hier Luz

[15] vgl. Keener a.a.O. S. 98f

[16] vgl. Zahn a.a.O. S. 390

[17] Münchmeyer, zitiert bei Rienecker a.a.O. S. 128

[18] vgl. Sprachlicher Schlüssel a.a.O. S. 52 und Coenen a.a.O. S. 169 und Bauer-Aland

[19] Luz a.a.O. S. 154